„Und wie soll ich ’ne Freundin finden?“

„Und wie soll ich ’ne Freundin finden?“

Lesbische Frauen in der DDR:

„In der DDR gab es keine lesbischen Frauen.“ Das stimmt natürlich nicht, aber dieses Vorturteil hält sich wacker. Warum eigentlich? Vielleicht, weil in der DDR das Thema Homosexualität verdrängt wurde.
Lesben und die DDR: Ein Herz und eine Seele? Eher nicht.

Schritt Eins: Coming out

Ursula Sillge:

Es kam eigentlich so: Ich hatte mich verliebt. Und meine Umwelt hat es bemerkt, weil es ne Frau war.

Ursula Sillge, Jahrgang 1946, aufgewachsen in einem Dorf in Südthüringen, geht zum Studieren nach Berlin.  Als junge Frau verliebt sie sich – in eine andere Frau. Aus der Liebe wird nichts, aber Ursula Sillge bekommt so zu spüren, dass sie anders empfindet als die meisten Frauen. Sie macht sich auf die Suche: nach Informationen über Homosexualität. Keine leichte Aufgabe in der DDR. Denn dort wird nur wenig über das Thema gesprochen. Anhaltspunkte findet sie in Sexualführern wie “Mann und Frau intim”. Ab und zu kann Ursula Sillge etwas über das Westfernsehen aufschnappen. Und sie reist jedes Jahr zur Leipziger Buchmesse und durchforstet die Bücher nach Informationen zur Homosexualität. Sie ist hartnäckig und ausdauernd. So lernt sie wenigstens ein bisschen was über ihr Begehren. Vielen Frauen in der DDR geht es so wie ihr. In den großen Städten kommen sie noch eher an Informationen.

Maria Bühner, Historikerin:

Aber besonders so im ländlichen Raum gab’s einfach ’ne enorm große Isolation und da finden sich tatsächlich Zeugnisse von Frauen, die waren so, ja, ich hab gar nicht geglaubt, dass es auch noch ’ne andere Person gibt, ’ne andere Frau gibt, die genau so empfindet, wie ich. Oder dass es Frauen gab, die zunächst erst mal nicht mal Worte für ihr Begehren hatten, weil, es gab keine offizielle Berichterstattung. In der offiziellen Berichterstattung ist Homosexualität schlicht und ergreifend nicht vorgekommen.

Und selbst wenn man sein Begehren verstanden hat, wenn man weiß, dass es irgendwo auf der Welt noch andere Frauen gibt, die ähnlich empfinden, selbst dann ist ein großes Problem noch nicht gelöst: Wie soll ich eine Freundin finden?

Schritt Zwei: Ehe- und Sexualberatung!

Ursula Sillge:

Das ist auch symptomatisch. Ich bin da hin gegangen und geriet an eine Medizinerin und auf die Frage, was haben Sie für’n Problem, hab ich gesagt, ich such ’ne Freundin. Und da war sie basserstaunt: Sie sind die erste lesbische Frau, die ich sehe!

Was den Umgang mit Sexualität betraf, war die DDR toleranter als die BRD. Das wird zumindest oft gesagt und stimmt auch in Teilen. So konnten schwule Handlungen seit 1968 nicht mehr bestraft werden. Lesbische Handlungen wurden gar nicht geahndet, es sei denn, es waren Jugendliche einbezogen. Die Jugend sollte besonders vor Homosexualität geschützt werden. Das sah der Paragraf 151 im Strafgesetzbuch vor. Er wurde 1969 eingeführt. Ansonsten besaßen Lesben dieselben Freiheiten wie heterosexuelle Bürger. Zumindest auf dem Papier. So stellte das Oberste Gericht im Jahr 1987 fest:

… dass Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet.

Oberstes Gericht der DDR im Jahr 1987

In der Umsetzung stimmte das leider nicht ganz. Es durfte keine Vereine für Lesben und Schwule geben, ganz zu schweigen von Parties oder einer Lebensberatung.

Ursula Sillge:

Ich suchte ’ne Möglichkeit, einen offiziellen Anlaufpunkt. Weil, wenn man im Coming out ist, ist man ja im Prinzip allein und einsam und sucht Hilfe, also das Gespräch, sich auszutauschen, um die Probleme zu relativieren, um Informationen zu bekommen und Selbstbestätigung und sicherlich vielleicht auch eine Freundin. Das ist ja, ach, sagen wir mal existenziell. Und ich wollte, wie gesagt, immer einen offiziellen Anlaufpunkt und genau das wollte die Partei offensichtlich nicht.

Maria Bühner:

Also wenn wir so über Benachteiligung reden: Das eine ist ja sozusagen, ein Gesetz zu haben, was einen direkt diskriminiert. Aber das andere ist – und das ist auch eben was, was wir in der Gegenwart noch sehen -, dass es Sozialgesetzgebung und Familiengesetzgebung gibt, die eben Heterosexualität forcieren und sozusagen prämieren, wenn wir das mal so sagen wollen. Und für die DDR kann man schon feststellen, dass es das bürgerliche Ideal so der heterosexuellen Ehe ’ne ganz wichtige Rolle gespielt hat für die Politik, für die Familien und für die Frauenpolitik und die Sozialpolitik, die da gemacht wurde. Wenngleich auch das Frauenbild mit dieser Vorstellung von der Gleichberechtigung von Mann und Frau nochmal ein ganz anderes war, als das der BRD zum gleichen Zeitpunkt.

Schritt Drei: Der Psychologe

Ursula Sillge:

Ich geriet an eine Medizinerin. Sie holte dann einen Psychologen dazu, und der sagte, er kennt auch andere Lesbierinnen, und ich sagte dann zu ihm, bitte ohne Bier! Und denn sag ich, dann können Sie mir doch ein paar Adressen geben. Um Gottes willen, nein, das darf ich nicht. Ich sag, dann geben Sie den Frauen meine, ich möcht sie ja gerne mal kennenlernen. Nein, das geht auch nicht. Und dann sagte ich, und wie soll ich ’ne Freundin finden? Und da gab er mir den Tipp mit der Wochenpost, mit der Briefwechselanzeige. Und das war dann so ne Art Faden, an dem ich ziehen konnte. Und dann betonte er aber noch: Das haben Sie nicht von mir!

“Komm Schwester, trinken wir auf unsere Brüste.“ Diese Zeilen stammen von Maike Nowak, einer Liedermacherin aus Leipzig. Sie bekannte sich offen zu ihrer Homosexualität. 1983 gründete sie die Frauenband “Kieselsteine”. Doch als die sich dem Thema Homosexualität annahmen, durfte sie nicht mehr öffentlich auftreten – zwei Jahre lang.

Schritt Vier: Annonce in der Wochenpost

Ursula Sillge:

Und in der Wochenpost, das war also ’ne Wochenzeitung, da konnte anonnciert  werden, suche Briefwechsel. Und offen lassen mit wem. Man musste nur zwei Hobbies angeben. Und da hab ich ’ne Anzeige aufgegeben, dass ich Briefwechsel suche, wie alt ich bin und sportlich, interessiert an Theater und so. Und dann kriegte ich über vierzig Zuschriften von Männern und ein halbes Dutzend von Frauen.

Barbara Wallbraun:

Es gibt wahnsinnig viele Frauen, die sich einfach zu Ostzeiten überhaupt nicht geoutet haben, die verheiratet waren, Kinder hatten und eigentlich auch so ein Stück weit ’ne Lebenslüge gelebt haben, weil sie eben nicht zu sich stehen konnten, aus welchen Gründen halt auch immer. Und das wollt ich halt auch erzählen. Dass Frauen eigentlich wussten, okay, mein Herz schlägt eigentlich für ’ne Frau, aber aufgrund dieses sozialistischen Bildes heirate ich halt ’n Mann und krieg ’n Kind.

Seit bald zwei Jahren arbeitet Barbara Wallbraun an einem Film über lesbische Frauen in der DDR. Sie rechererchiert auch über die Bespitzelung lesbischer Frauen durch die Staatssicherheit. Die durchsetzte die lesbische Szene mit inoffziellen Mitarbeiterinnen. So eine hat Barbara Wallbraun in der Akte “Anne Frank” gefunden.

Barbara Wallbraun:

Sie war nicht die Einzige, die das gemacht hat, aber sie war die, wo ich das erste Mal wirklich dachte, da geht es nicht nur um Lesbentreffen und Wer-ist-Wer, Namen weitergeben, sondern da geht’s wirklich um intime Details. In ’ner Akte zu lesen, dass sie halt mit ner Frau ’n bisschen rumgefummelt hat und eigentlich auch mit ihr schlafen wollte, aber die Frau dann gesagt hat, ich mach das jetzt nicht mit, ich hab meine Tage… Also wo ich mir denke, muss man sowas schreiben? Ja, muss das wirklich sein? Und sie hat sich halt auch ja sehr abfällig gegenüber Frauen geäußert, über ihr Äußeres. Ich hab dann halt dagesessen und hab das gelesen und dacht mir, das ist echt harter Tobak.

Warum die Stasi Lesben bespitzelt hat? Darüber können wir nur spekulieren. Vielleicht hat sie befürchtet, dass Lesben sich organisieren könnten und so die gesellschaftliche Ordnung bedrohen könnten.

Schritt Fünf: Hausbesuche

Ursula Sillge:

Ja das waren halt teilweise auch merkwürdige Geschichten. Dass ich dann also zu den Absenderinnen versuchte zu gelangen. Eins war ’ne Telefonnummer, da bin ich überhaupt nicht hingekommen, da hatte ich auch keine Adresse, da war entweder besetzt oder es ging keiner ran. Und dann äh war eine dabei, die suchte ne Freundin, weil sie meinte, sie würde keinen Mann kriegen. Die hatte das damit begründet, dass ihr immer die Nase tropft und dass das den Männern sicherlich unangenehm wäre. Es gibt halt Probleme im Leben.

Ist von Homosexualität in der DDR die Rede, denkt man häufig zunächst an Schwule. Dass es auch homosexuelle Frauen gab, wird häufig vergessen. So gibt es heute einige Filme, Bücher und wissenschaftliche Arbeiten über das Leben Schwuler in der DDR. Über die Lesben erfährt man vergleichsweise wenig. Das ist auch Maria Bühner aufgefallen. Sie promoviert über lesbische Frauen in der DDR.

Maria Bühner:

Meine Motivation ist, dass ich festgestellt habe, dass Lesben so gut wie gar keine Geschichte haben, weil die Geschichte von lesbischen Frauen einfach bisher nur sehr, sehr wenig bearbeitet wurde. Weil, also Homosexualität wird immer nur als Synonym für Schwulsein gebraucht und das ist natürlich auch ein Teil davon, aber es gibt eben auch diese lesbischen Frauen und ich finde es enorm wichtig die auch sichtbar zu machen, weil generell, wenn ich mir die Geschichte angucke, gibt’s da so ne große Unsichtbarkeit von Frauen und das betrifft dann halt lesbischen Frauen quasi nochmal doppelt.

Die Geschichte lesbischer Frauen ist noch immer wenig aufgearbeitet. Und manchmal gewinnt die Dokumentarfilmerin Barbara Wallbraun den Eindruck, an den entscheidenden Stellen würden sich zu wenige Menschen dafür interessieren. Das fällt ihr besonders dann auf, wenn sie versucht, ihren Film an einen Sender zu verkaufen. Denn diese Versuche waren bisher vergeblich.

Barbara Wallbraun:

Ich hab ein bisschen Schiss, dass einfach die Menschen, die das Geld in der Hand haben, sagen, mit Lesben aus der DDR lockst du niemanden hinterm Ofen vor, das guckt sich keiner an. Und deswegen bekommst du da auch kein Geld für. Das ist meine große Angst, dass ich da jetzt zwei Jahre dran gearbeitet habe und so viel positives Feedback bekomme und ja, dann halt letztlich es daran scheitert, dass das Thema als nicht quotenbringend vielleicht angesehen wird.

Schritt Sechs, Sieben, Acht und so weiter: Hartnäckig bleiben

Ursula Sillge:

Und dann hatte ich einen Brief aus Weißensee, da war ich hingegangen. Und da öffnete mir dann ein junger Mann und ja so fantasievoll gekleidet, mit tiefer Stimme und erzählte mir dann von seinen Psychosen und ich durfte dann seine edlen Teile bewundern und dann kam die Frau, die dann dort wirklich wohnte und das war ’ne Psychologiestudentin und, die sagte, ja, im Studium hören wir gar nichts zu dem Thema und ich wollte ’n paar lesbische Frauen kennenlernen. So, war natürlich auch nichts. Und dann waren noch ein, zwei Briefe, das war auch nichts, und der letzte Brief, den ich nachher hatte, da bin ich hingegangen, hab geklingelt, die Tür ging auf und ich dachte, datt sieht solide aus. Und sie ist heute noch meine Freundin.

 

(Quelle: mephisto976.de, 05.02.2015)

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