Zuflucht suchende LSBTs auch in den Unterkünften nicht sicher

Zuflucht suchende LSBTs auch in den Unterkünften nicht sicher

„Sie suchen Schutz, treffen aber auch in den Flüchtlingsheimen auf ihre Verfolger. Für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle hört die Flucht in Deutschland nicht auf …“

Ein Artikel aus der ZEIT ONLINE:

Shilan hat Angst

Sie suchen Schutz, treffen aber auch in den Flüchtlingsheimen auf ihre Verfolger. Für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle hört die Flucht in Deutschland nicht auf.

Es war nur ein kurzer Augenblick, der alles verändert hat. Denn Shilan* war bereit, einen Mann zu heiraten, obwohl sie seit ihrem 15. Lebensjahr sicher ist, lesbisch zu sein. Immer wieder sei sie ihren Eltern zuliebe mit Männern ausgegangen, erzählt sie. Bis „die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe“ ihren Kleiderladen in Algier betrat. Djamila* und Shilan wurden ein Paar – ein heimliches. Denn in Algerien kann man „wegen homosexueller Handlungen“ ins Gefängnis kommen.

„Zusammen sein – das ist nicht wie hier“, sagt Shilan. Im Rubicon, einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln, erzählt sie in einem Gemisch aus Französisch, Deutsch und Arabisch ihre Geschichte. Djamila wohnte bei ihrer Großmutter. Immer wenn diese die Wohnung verließ, schlich sich Shilan aus dem Laden zu ihrer Freundin, für eine halbe Stunde, länger nicht. Das wäre zu auffällig gewesen. Shilan, die heute Sweatshirt und Turnschuhe anzieht, trug in Algerien weiter den Hidschab, lebte bei ihren Eltern, ordnete sich unter. Nur mit Männern ging sie seit der Begegnung mit Djamila nicht mehr aus. Das konnte sie nicht mehr.
Rund zwei Jahre ging das gut, bis eine Nachbarin die beiden beobachtet hat, als sie sich in Shilans Geschäft umarmten. Sie verriet es der Familie, die schon Verdacht schöpfte. Als Shilan nach Hause kam, schlug ihr Bruder sie. Die Eltern hinderten ihn nicht daran, sie standen hinter ihm. Er drohte, Shilan umzubringen. Sie war überzeugt davon, dass er es ernst meinte und floh. „Ich hatte keine Wahl“, sagt die 28-Jährige heute. Wie viele Menschen nach Deutschland geflohen sind, weil sie wie Shilan aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt werden, darüber gibt es nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) keine Zahlen.

Aber Gema Rodríguez Díaz, eine der Organisatorinnen der Gruppe baraka für homosexuelle Migranten und Flüchtlinge und Leiterin der Integrationsarbeit im Rubicon, sagt: „Jede Woche erreichen uns neue Flüchtlinge mit schlimmen Geschichten.“ Bei baraka sei die Zahl der Hilfesuchenden 2014 und 2015 in die Höhe geschnellt.

„Ich habe von heute auf morgen alles hinter mir gelassen“, sagt Shilan. „Meine Liebe, mein Leben, meine Familie, mein Heimatland, meinen Beruf.“ Sie hob ihr Erspartes ab, 6.000 Euro für ein Visum und einen Flug nach Spanien. Aber dort traute sie sich nicht zu bleiben: „Ich habe sehr viel Familie dort“, sagt Shilan, deren Augen nervös durch den Raum wandern. Die Angst trieb sie weiter nach Paris. Hier wollte sie gerne bleiben, schließlich spricht sie Französisch. „Doch auch dort leben mehrere Onkel und Cousins“, sagt sie, wippt mit dem Fuß und rutscht auf dem Sofa hin und her. Sie alle hätten wissen können, was sie getan hat. Und noch schlimmer: Sie könnten zu Ende bringen, was ihr Bruder geplant hatte. Von Paris fuhr sie mit dem Zug weiter nach Deutschland und landete schließlich in Köln in einem Flüchtlingsheim.
Die ersten Monate im Flüchtlingsheim waren eine Katastrophe

Das war vor einem Jahr und drei Monaten. Shilan wartet immer noch darauf, ob ihr Asylantrag bewilligt wird, und darauf, einen Job annehmen zu können. „Ich bin eine commerciale“, sagt Shilan auf Französisch, eine Unternehmerin. In Algerien konnte sie mit ihrem Vater zusammen zwei Bekleidungsgeschäfte führen – solange sie den Hidschab trug. „Ich muss arbeiten“, sagt sie, „ich kann nicht stillsitzen, auch jetzt nicht.“ Auf Krücken ist sie hergekommen, sie wurde nach einem Unfall beim Fußballspielen am Knie operiert und müsste eigentlich noch im Krankenhaus sein.

Die ersten Monate im Flüchtlingsheim beschreibt Shilan als Katastrophe. Sie wohnte mit mehreren Frauen auf engstem Raum. In vielen Herkunftsländern wie in Syrien, Afghanistan oder Ghana werden Homosexuelle verfolgt, in anderen zumindest geächtet. Eine alleinstehende muslimische Frau, die aus einem arabischen Land geflüchtet ist, die keinen Hidschab trägt, ihr Haar dafür aber sehr kurz, und die in ihrer Freizeit Fußball spielt? Shilan fiel auf und wurde beschimpft. Sie stockt immer wieder, es fällt ihr schwer, über diese Zeit zu sprechen.

„Ich habe mich gezwungen, auf die Beschimpfungen nicht zu reagieren“

In den Sammelunterkünften hätten sexuelle Minderheiten es schwer, sagt auch Díaz vom Rubicon. Beim Bundeskriminalamt gibt es zu homophob motivierten Straftaten in Flüchtlingsheimen bislang keine Statistik. „Wir erfahren momentan aber immer öfter von solchen Übergriffen in Flüchtlingsheimen. Da zieht auch schon mal jemand ein Messer“, sagt die Sozialarbeiterin: „Viele outen sich deshalb gar nicht.“ Doch gesonderte Heime für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, wie es sie etwa in Berlin geben soll, hält Díaz trotzdem für falsch, auch wenn viele Hilfesuchende sich das wünschten. „Das kommt einer Ghettoisierung gleich.“ Besser sei es, die Sammelunterkünfte nach und nach abzuschaffen, auf Einzelunterbringungen zu setzen und für mehr Aufklärung zu sorgen.

„Ich habe mich gezwungen, auf die Beschimpfungen nicht zu reagieren“, sagt Shilan. Ihr kam es vor, als habe sie nirgendwo eine Perspektive, als sei die Flucht nie zu Ende. Sie war kurz davor, nach Algerien zurückzugehen, da wurde ihr zusammen mit einer anderen Frau eine Wohnung zugeteilt. Shilan findet bei baraka Freunde. Sie besucht inzwischen einen Deutschkurs, sie spielt Fußball in einem Kölner Verein.
Djamila ist jedoch noch in Algerien, sie hat die Wut von Shilans Familie zum Glück nicht erreicht. Vielleicht haben sie nie herausgefunden, mit wem Shilan zusammen war. Sie zeigt auf ihrem Smartphone ein Foto von der Frau, die sie liebt. Sie hält es vorsichtig in der Hand, als könnte es allein durch ihren Händedruck zerbrechen. Aber Djamila soll nicht in einem Flüchtlingsheim leben müssen. „Ich will mich um sie kümmern und für sie sorgen können – das kann ich erst, wenn ich Asyl und eine Arbeit habe.“

Traumatisierte Flüchtlinge verschweigen manchmal ihre Homosexualität

Doch ob Shilan bleiben darf, ist ungewiss. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ist prinzipiell der Auffassung, „dass Personen, die wegen ihrer Homosexualität Angriffen, unmenschlicher Behandlung oder massiver Diskriminierung ausgesetzt sind und deren Regierungen sie nicht schützen können oder wollen, als Flüchtlinge anerkannt werden sollten“. Das Bundesamt erklärt dazu, dass zunächst geprüft werde, wie schwer die Verfolgung von Homosexuellen im Heimatland sei und dann, inwiefern der Antragsteller davon selbst betroffen sei. „Die Gefahr muss mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit und zielgerichtet wegen der sexuellen Ausrichtung drohen“, heißt es beim Bamf. Die Flüchtlinge müssen „glaubhaft“ machen, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Nur: Wie soll das gehen?

„Das ist ein Riesenproblem“, sagt Markus Ulrich, der Sprecher des Schwulen- und Lesben-Verbandes (LSVD). Das Bamf erwarte einen „schlüssigen Sachvortrag“ und eine „lückenlose Schilderung“. Manche traumatisierte Flüchtlinge verschwiegen jedoch im ersten Gespräch ihre sexuelle Orientierung. Schließlich sollen sie jetzt Instanzen vertrauen, die in ihrem eigenen Land zu den Verfolgern gehörten. Sie fürchteten sich auch manchmal vor den Übersetzern, die die Informationen an die Botschaft oder an die Familie weitergeben könnten, sagt Ulrich. Kann Shilan einem Behördenmitarbeiter glaubhaft machen, dass von ihrer Familie, die sie immer noch liebt, eine große Gefahr ausgeht? Dass es in Algerien für sie keinen Schutz gibt? Und dass sie auch in Spanien und Frankreich verfolgt wird?

Alexandra hat Asyl in Deutschland bekommen.
Alexandra hat Asyl in Deutschland bekommen. © Rebecca Erken
Bei baraka trifft Shilan auf die Russin Alexandra*, deren Geschichte ihr Hoffnung macht. Die Transfrau Alexandra ist vor zwölf Jahren aus Russland geflüchtet. „Im Jahr 2003 gab es im Ausland kaum Informationen darüber, wie sexuelle Minderheiten in Russland behandelt werden. Durch die sozialen Netzwerke ist das heute anders“, sagt Alexandra, deren lange dunkelblonde Haare über ein rosafarbenes Top fallen.

Sie erzählt, wie sie in Moskau immer wieder verprügelt wurde, weil sie als Alexander „zu weiblich“ wirkte. Schon lange wusste Alexander da, dass er lieber Alexandra sein möchte. Als sie angegriffen wurde, habe sie von der Polizei nie Hilfe bekommen, sagt die 36-jährige Verkäuferin. Im Gegenteil: „Die Täter haben sie laufen lassen und mich mehrere Stunden festgehalten“. Irgendwann standen Männer mit Messern vor ihrer Tür.

Vergewaltigung im Flüchtlingsheim

Ihre Flucht zog sich über mehrere Jahre hin. Sie führte über Finnland, Dänemark, Schweden, die Niederlande und Belgien irgendwann nach Deutschland. Doch auch in der deutschen Sammelunterkunft war sie nicht sicher. Alexandra erzählt reglos von einer Vergewaltigung in einem Flüchtlingsheim im Norden von Deutschland, als ob sie nichts mit ihr zu tun hätte. Sie erzählt von einem unter Drogen stehenden syrischen Täter, der nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wurde und nach vier Monaten wieder freikam. Sie erzählt von ihrem Selbstmordversuch, als hätte sie ihn nicht überlebt.

Doch dann sagt sie: „Ich habe schließlich den blauen Flüchtlingspass bekommen. Das war der schönste Tag in meinem Leben.“ Auch auf dem Papier ist sie inzwischen zu Alexandra geworden. Alexander ist in Russland geblieben.

Shilan hofft darauf, dass auch ihr ein Neuanfang gewährt wird. Doch erst einmal muss sie zurück ins Krankenhaus. Ihr Knie wird wohl gut verheilen – was mit ihren anderen Wunden geschieht, ist ungewiss.
* Namen von der Redaktion geändert

 

(Quelle: zeit.de, 26.01.2016)

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