Überlegungen zum gleichgeschlechtlichen Paartanz

Überlegungen zum gleichgeschlechtlichen Paartanz

Tanzen & Paartanz

Tanzen als eine Bewegung zu einem Rhythmus, als ein Ritual oder als ein Gefühlsausdruck ist vermutlich so alt wie die Menschheit, und die frühesten erhaltenen Höhlenmalereien, die eine Tanzformation darstellen, sind 7.000 Jahre alt. Menschen (und scheinbar auch manche Tierarten) können alleine tanzen, als Gruppe (im Kreis, in der Reihe oder in einer bestimmten Formation) oder eben als Paar.

Im Paartanz bewegen sich zwei Personen nach den Regeln des jeweiligen Tanzes, und dabei “führt” eine Person mit Hilfe von körperlichen Signalen und die andere “folgt”. Diese Rollenaufteilung kann von einem Paar langfristig festgelegt werden, bei gemischt-geschlechtlichen Paaren gibt es diesbezüglich zumeist eine traditionelle Rollenverteilung, letztendlich ist es aber eine “Verhandlungssache”. Diese Rollen können aber auch von Tanz zu Tanz wechseln oder sogar innerhalb eines Tanzes (z.B. der Führungswechsel als Teil einer einstudierten Choreographie bei gleichgeschlechtlich tanzenden Turnierpaaren).

Kleiner Exkurs:  Zu den Paartänzen gehören …

  • Standardtänze (und diese umfassen: Wiener Walzer, Langsamer Walzer, “Europäischer” Tango, Slow Fox, Quickstep)
  • Lateinamerikanische Tänze (und diese umfassen: Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso Doble, Jive)
  • Daneben gibt es viele andere Tänze, von denen sich in unserer Zeit insbesondere der Argentinische Tango und die Salsa größerer Beliebtheit erfreuen, so dass sich eigene “Tanzgemeinden” (vor allem gemischt-geschlechtliche, aber mittlerweile – vor allem beim Tango – auch gleich-geschlechtliche) entwickelt haben.
  • Darüber hinaus gibt es zahlreiche „weitere Paartänze”, die aber weder zum Kanon der Standard- & Lateintänze gehören noch eigene größere Tanzszenen herausbildeten:
    z.B. diverse Swing-Tänze und Rock´n Roll, Mambo, Merengue, Bachata u.ä., Polka u.ä., historischer Tanz, Westerntanz usw.
    Auch Foxtrott und Discofox gehören übrigens nicht zu den Standard- und Lateintänzen, sind aber bei populären und spaßorientierten Veranstaltungen weit verbreitet und beliebt, wenn zwei Menschen gemeinsam als Paar sich zu Musik bewegen möchten, da sie vom Rhythmus und von der Bewegungsdynamik her fast zu jedem Musikstil getanzt werden können.

Gleichgeschlechtlicher Paartanz

Dass gleichgeschlechtliche Paare miteinander tanzen, hat es früher vermutlich nur im ganz privaten Bereich gegeben, und ist meines Wissens nach erst mit Beginn früherer sexualemanzipatorischer Ansätze in den 1920er Jahren in einem halböffentlichen Bereich möglich gewesen: In verborgenen und nur einschlägig bekannten, ersten Lokalen für “Urninge”, “Invertierte”, Angehörige des “dritten Geschlechts” oder welche Bezeichnungen auch immer damals entwickelt wurden, dort konnten Männerpaare oder Frauenpaare auf beengtem Raum endlich ein Tänzchen miteinander wagen.

Gleichgeschlechtlich partnerorientierte Menschen hatten vor 100 Jahren aufgrund ihrer als Makel und Defizit erlebten Orientierung überwiegend ein angeknacktes, geringes Selbstbewusstsein und lebten in einem Umfeld, das noch recht weit von dem “Entwicklungsstand” heutiger gesellschaftlicher Emanzipation entfernt war. So kam es, dass gleichgeschlechtliche Tanzpaare zumeist nur die heterosexuellen Paare nachahmten, und sich stereotyp weiblich bzw. männlich gaben, eine/r war “die Frau” und eine/r “der Mann”.

Die Herausbildung einer eigenen gleichgeschlechtlichen Tanzästhetik, mit mehr Distanz zu traditionellen Rollenklischees, hat meines Wissens erst ab der modernen Schwulen- und Frauen-/Lesbenbewegung (seit den 1970ern) – und auf dem generellen Hintergrund der Entstehung einer moderneren/”alternativen” Paartanzkultur (seit den 1980ern), die ebenfalls den spießigen Tanzschulenmief abwerfen wollte – begonnen. Einen weiteren qualitativen Sprung in der Entwicklung einer eigenen GleichTanz-Ästhetik wird seit Mitte der 1990er Jahre gemacht – durch die Entstehung einer leistungsorientierten gleichgeschlechtlichen Tanzsport- und Turnier-Szene.

Gesellschaftliche Revolutionen vom Tanzboden ausgehend?

Parallel dazu bzw. als ein sich wechselseitig immer wieder beeinflussender Prozess traten gleichgeschlechtliche Paare allmählich in gemischt-geschlechtliche Räume ein. In alternativen Tanzschulen traten etwa Männerpaare auf, und bei den obligatorischen “Partnerwechseln” tanzten plötzlich heterosexuelle Männer mit schwulen Männern, was in unserer patriarchal geprägten Gesellschaft einen ziemlich großen Tabubruch darstellte. Oder Frauenpaare, die auf Partys und Bällen eng umschlungen miteinander tanzen und bei denen klar ist, dass sie sicher nicht nur als gute Freundinnen notgedrungen zusammen tanzen “müssen”, weil sie entweder “ledig”, verwitwet oder mit einem Tanzmuffel verheirtatet sind.

“Guck´mal, da tanzen zwei Männer miteinander,” hörte ich im Vorbeigehen vor zwei Wochen eine Mittvierzigerin zu ihrem Partner beim Salsa-Tanzabend in der “Strandbar Mitte” sagen. Das Paar stand am oberen Rand des kleinen Amphitheaters und blickte hinunter auf die Tanzfläche, auf der auch drei gleichgeschlechtliche Paare unseres Salsa-Tanzkurses unter all den gemischt-geschlechtlichen Paaren tanzten. Die beiden wirkten vom äußeren Eindruck her eher “alternativ” und ökologisch orientiert, und sie hatten scheinbar tatsächlich noch nie selbst und direkt zwei Männer zusammen tanzen gesehen! Was mag das bei ihnen ausgelöst haben?

Wenn zwei Frauen oder zwei Männer miteinander tanzen, dann ist das immer auch ein Stückchen Aufklärungsarbeit, denn hier werden Lesben und Schwule ganz konkret sichtbar – und dass auch noch im körperlichen Kontakt und, je nach Tanz und Paar, vielleicht sogar im zärtlichen Umgang oder erotischen Spiel miteinander. Dadurch werden die über Jahrhunderte zementierten heterosexuell normierten Seh- und Denkgewohnheiten zumindest irritiert und in Frage gestellt, und die Sehgewohnheiten können sich vielleicht langsam verändern und irgendwann vielleicht sogar auch die Denkgewohnheiten …

Fazit: Als Tanzpaar gleichgeschlechtlich zusammen tanzen (egal übrigens, ob die Beteiligten homo, hetero, bi, trans*, inter* oder queer sind), macht also nicht nur viel Spaß, sondern leistet darüber hinaus auch noch einen nicht zu unterschätzenden gesellschaftlich-emanzipatorischen Beitrag.

26. Juni 2013 / Günther Schon

 

 

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