Insolvenzgefahr beim Berliner CSD

Insolvenzgefahr beim Berliner CSD
Die Rechnung nach dem Streit

Der CSD-Verein in der Hauptstadt hat über 160.000 Euro Schulden – mit der Kampagne „Rette deinen CSD!“ bittet er nun um Spenden.

Der große Berliner CSD-Streit im vergangenen Jahr mit zwei konkurrierenden Demos hat nicht nur persönliche Freundschaften zerstört, jetzt kam – nur wenige Wochen nach der endgültigen Begrabung des Kriegsbeils – eine dicke Rechnung für den früheren Szene-Zoff: Der Berliner CSD e.V. ist hoch verschuldet. Mit über 160.000 Euro steht der Verein in der Kreide – das entspricht mehr als einem halben Jahresbudget.

Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 30. März hat der Vorstand eine „akute finanzielle Notsituation“ eingeräumt. In seinem Papier „Maßnahmen zur Sicherung des Berliner CSD e.V.“ (PDF) werden die erschreckenden Zahlen genannt: „Der Verein sieht sich zum 12. März 2015 mit berechtigten Forderungen in einer Gesamthöhe von 178.792 Euro konfrontiert. Bislang wurden Teilzahlungen in Höhe von 17.409 Euro geleistet; es verbleiben als realistische Forderungen 161.383 Euro.“ Dem gegenüber stünden offene Forderungen des Vereins in Höhe von lediglich 7.000 Euro, heißt es in dem recht transparenten Bilanzpapier.

Der aktuelle Vorstand des Berliner CSD e.V. wurde erst im Oktober 2014 in sein Amt gewählt – er muss nun den Karren, den größtenteils andere in den Dreck gefahren haben, wieder herausziehen. Zwei der fünf Vorstandsmitglieder, Sissy Kraus und Lutz Ermster, trugen bereits während des CSD 2014 Verantwortung.

Mindereinnahmen durch Imageverlust

Der neue CSD-Vorstand muss den Karren aus dem Dreck ziehen (v.l.n.r.): David Staeglich, Angela Schmerfeld, Lutz Ermster, Monique King, Sissy Kraus - Quelle: Berliner CSD e.V.
Der neue CSD-Vorstand muss den Karren aus dem Dreck ziehen (v.l.n.r.): David Staeglich, Angela Schmerfeld, Lutz Ermster, Monique King, Sissy Kraus
Bild: Berliner CSD e.V.

Ein großer Teil der Schulden stamme aus dem Jahr 2014 und sei auf „die Auswirkungen der Konkurrenz durch die Fanmeile/WM-Übertragung, das schlechte Wetter und die Spaltung der CSD-Veranstaltungen aufgrund des CSD-Streits zurückzuführen“, so der neue Vorstand: „Eine verminderte Zahl von Wagenanmeldungen führte zu Einnahme-Einbußen von ca. 15.000 Euro. Hinzu kamen ein Starkregen zum Zeitpunkt des Eintreffens der Parade am Endpunkt des Finales und das gleichzeitige Stattfinden des ersten WM-Spieles Deutschland-Ghana, […] was wiederum zu Einnahme-Einbußen beim Getränkeumsatz von fast 25.000 Euro führte. Hinzu kamen Mehrausgaben in mehreren Bereichen in Höhe von insgesamt ca. 30.000 Euro und Mindereinnahmen von über 30.000 Euro im Sponsoringbereich gegenüber 2013.“

Die Gründe für die Mehrausgaben sieht der neue Vorstand in mangelhafter Finanz- und Budgetplanung, die Mindereinnahmen führt er u.a. auf den „Imageverlust durch das Verhalten des Vereins im letzten Jahr“ zurück.

Der Berliner CSD e.V. räumt ein, unter einem enormen Zahlungsdruck zu stehen: „Die Forderungen gegen den Verein befinden sich teilweise im letzten Stadium vor Einleitung der Vollstreckung“, heißt es in dem Maßnahmenkonzept. Mit den meisten Gläubigern habe man aber inzwischen Zahlungs- oder Stundungsvereinbarungen aushandeln können, unaufschiebbare Forderungen wie Sozialabgaben seien aus neuen Einnahmen bedient worden.

Doch ausgerechnet mit dem größten Gläubiger, der Publicom GmbH des früheren und vom neuen Vorstand entlassenen CSD-Geschäftsführers Robert Kastl, hat man noch keine Einigung erzielt. Die Höhe der Forderung und welche Leistungen sie genau betrifft, will der Berliner CSD e.V. auf queer.de-Nachfrage „aus Gründen der Verschwiegenheitspflicht“ nicht nennen. Ein Damoklesschwert: Spielt Kastl beim Rettungsplan nicht mit, könnte er theoretisch den Gerichtsvollzieher ins CSD-Büro schicken oder das Vereinskonto pfänden lassen.

Hochverschuldet, aber bislang kein Insolvenzfall

Den vereinzelt erhobenenen Vorwurf der Insolvenzverschleppung weist der Vorstand zurück: „Der Verein ist zwar hoch verschuldet, aber bislang kein Insolvenzfall. Wir lassen uns von einem Insolvenzrechtler begleiten und haben vielfältige Maßnahmen eingeleitet“, so der CSD-Verein in einer Stellungnahme gegenüber queer.de. „Die Vorbereitungen für die CSD-Demonstration und das Finale laufen auf Hochtouren, und alle Beteiligten – darunter viele langjährige Partner und auch viele neue Unterstützer – arbeiten Hand in Hand.“

Besteht die Gefahr, dass die CSD-Demo am 27. Juni ausfallen könnte? Nein, sagt der Vorstand. Bis zum 31. August 2015 bleibe der Verein „zunächst handlungsfähig“. Die CSD-Organisation werde in diesem Jahr nahezu komplett ehrenamtlich gestemmt, auch die Bühnenacts der Abschlusskundgebung würden ohne Gage auftreten. Dennoch würde der Vorstand natürlich lieber inhaltlich arbeiten und optimistisch in die Zukunft schauen, als viel Energie und Zeit in die Lösung der Altlasten zu stecken.

Mit der Kampagne „Rette deinen CSD!“ bittet der Berliner CSD e.V. deshalb um Spenden: „Von jeder Person aus der Community 1 Euro zu bekommen, wäre ein super Anfang“, meint Vorstand David Staeglich. „Bedenkt man die Hunderttausenden von Menschen, die jedes Jahr beim CSD dabei sind, wären es sogar nur Centbeträge pro Person, die den Verein komplett sanieren, alle Schulden begleichen und ermöglichen würden, einen großartigen CSD auf die Beine zu stellen.“

„Liebe Community, macht euch bitte klar: Die Lage ist ernst, aber noch besteht Hoffnung, wenn alle schnell zupacken und jetzt helfen“, ergänzt Vorstandskollegin Angela Schmerfeld. „Mit eurer Unterstützung schaffen wir das! Werdet Mitglied, werbt andere Mitglieder an, werdet Supporter/Fördermitglied oder helft uns mit eurer ehrenamtlichen Mitarbeit.“

  Spendenkonto
Berliner CSD e.V.
Commerzbank Berlin
IBAN: DE04 1208 0000 4052 3525 00
BIC: DRESDEFF120
Verwendungszweck „Rette deinen CSD“
Links zum Thema:
» Homepage des CSD Berlin
» Das Maßnahmenkonzept als PDF
 (Quelle: queer.de; 03.04.2015)
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